- Historische Spurensuche zu Kolonialismus und Rassismus, eine Analyse ihrer psychischen Ursachen und Auswirkungen -
Das erstmals 2008 veröffentlichte Werk der Psychologin und Künstlerin Grada Kilomba analysiert Alltagsrassismus und verfolgt seine Entstehungsgeschichte bis zu den Anfängen des Kolonialismus. Sie gibt spannende Einsichten in die psychischen Zusammenhänge sowohl bei Ausführenden (i. d. R. 'weiße'[1] Menschen) als auch bei Betroffenen von Rassismus. Außerdem beschreibt sie unterschiedliche dekoloniale Praxen.
Triggerwarnung: Dieser Text kann rassistische Erfahrungen wieder zum Leben erwecken.
Einführend rekonstruiert Kilomba die Hierachien und Zuschreibungen, die im Kolonialismus etabliert wurden. Die ‚Anderen‘ (aus Sicht der ‚Entdecker‘/Europäer/weißen) wurden entwertet/entmenschlicht, wodurch eine Legitimation entstand, sie und ihr Land zu beherrschen. Aggressionen und Sexualität, also das, was im Allgemeinen von uns Menschen als schlecht und abzulehnend wahrgenommen wird, wurde von dem Selbst auf die ‚Anderen‘ projiziert. Kilomba nennt diese Projektion der Teile des Selbst auf die anderen „split off parts“ (‚abgetrennten Teile‘, eigene Übersetzung, Kilomba 2023, S. 16f.). So wurden die Beherrschten als Tyrannen und Unmenschen gesehen, da sie als 'wild' und 'brutal' imaginiert und dargestellt wurden. Brutale Behandlung, Versklavung und teilweise gezielte Zerstörung der Menschen und ihrer Lebensweisen in den Kolonien wurde so legitimiert, ohne dass die Ausführenden gestraft wurden.
Kolonialismus führte zu einer Reihe von Gewalttaten, Grausamkeit und Unmenschlichkeit gegen viele verschiedene Menschen auf dem Globus. Allen voran ist die Isolation und die Trennung der vielen Menschen, die als Sklaven vom afrikanischen Kontinent auf den amerikanischen gebracht wurden, zu nennen. Den Sklaven wurden beispielsweise ihre eigenen Namen untersagt, sodass sie ihre Identität verloren. In Amerika wurden z.B. weibliche Sklaven anhand ihrer Gebärfähigkeit beworben (ebd., 87). Diese Entmenschlichung hat noch Generationen danach Folgen.
Anhand verschiedener Kategorien macht Kilomba den Einfluss deutlich, den der Kolonialismus hinterlassen hat und nun in Form von Alltagsrassismus zu spüren ist. Zuerst entlarvt Kilomba den Mythos der Objektivität, Neutralität und Universalität in der Wissenschaft. Der Eurozentrismus führt dazu, dass nur bestimmte Menschen sprechen und auch nur bestimmte gehört werden. Außerdem macht sie anhand des Genders deutlich: als Schwarze[2] Frau ist es doppelt schwer, als sexistisch und rassistisch diskriminierter Mensch.
Die Autorin hat Interviews mit einer Afro-deutschen und einer Afro-amerikanischen Frau geführt. Auszüge davon werden genutzt, um die verschiedenen Dimensionen von Alltagsrassismus exemplarisch zu zeigen: Diskurse des Raumes werden auf dem Rücken der diskriminierten Menschen geführt; wer gehört dazu? Wer wird als am Rand stehend imaginiert? Hier wird die Frage: „Woher kommst du?“ beleuchtet insofern, als dass sie Schwarzen Deutschen immer wieder bedeutet, ‚nicht dazu zu gehören‘. Diskurse rund um das Haar als der am meisten rassifizierte Marker eines Menschen finden statt. Das ungefragte Anfassen der Haare von Fremden wird als Störung bzw. Eindringen in die Privatsphäre beleuchtet. Kilomba analysiert des weiteren Diskurse der Sexualität und der Mutterschaft; deren Wurzeln auch in der o. g. Behandelung der Sklavinnen in Amerika zu finden sind. Stereotype von Schwarzen Frauen als nachlässige Mütter oder hingebungsvolle Pflegerinnen von Kindern anderer Menschen lasten auf ihnen. Außerdem behandelt die Autorin Diskurse rund um die Haut und damit verbundene Stereotype. Hier kann es vorkommen, dass Rassismus "bittersüß" (vgl. ebd. 100) wird und schwer zu erkennen. Da zu der Zeit des Kolonialismus den 'Anderen' neben den oben genannten Attributen auch Nähe zur Natur, Primitivität, aber auch Faulheit und Chaos zuschrieben wurde, werden sie auch heute noch oft anhand der Farbe der Haut bei den 'Anderen' verortet. Jedoch sind dies Dimensionen, die die das Leben spannend und lebendig machen (vgl. ebd. 102). So kann es vorkommen, dass sich weiße Menschen nach diesen Attributen sehnen, trotzdem jedoch das Gegenüber rassistisch diskriminieren.
Die Betroffenen, so Kilomba, werden durch Erfahrungen des (alltäglichen) Rassismus immer wieder traumatisiert. Die Gräuel des Kolonialismus werden wieder spürbar. Sie behandelt das N-Wort und die Traumatisierung durch Sprache. Außerdem analysiert sie das ‚Schwarz-Sein‘ in weißen Gesellschaften ‚performen‘ zu müssen und Selbstmord. In den von Kilomba geführten Interviews war Suizid häufiger Thema, von Schwarzen Menschen in einer weißen Gesellschaft und bedeutet schlussendlich das rassistische Attentat auf das Selbst oder eine Machtausübung, den das ‚Objekt‘ wird zum ‚Subjekt‘ das Macht über sich selbst ausübt (vgl. Kilomba S. 122f.). Dies trifft vor allem Menschen, die aufgrund rassistischer Diskriminierung isoliert werden oder sich selbst isolieren.
Als Gegenpol zu all diesen wichtigen und schwierigen Themen lädt Kilomba uns ein, Auswege und Widerstände zu finden und zu formulieren. Das abschließende Kapitel „Healing and Transformation“ (‚Heilung und Transformation‘, eigene Übersetzung) behandelt verschiedene Formen des Umgangs mit Rassismus. Für Schwarze Menschen ist es wichtig, in Gesellschaft zu sein, mit Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, um ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln zu können. Ein weiterer Schritt ist der der Dekolonialisierung, d.h., das Unrecht, dass Schwarzen Menschen während des Kolonialismus angetan wurde, soll ‚Ungeschehen‘ gemacht werden. Das bedeutet zum einen, die Autonomie zurück zu erlangen, nicht mehr das ‚Objekt‘, der oder die ‚Andere‘ sein, sondern zum Subjekt zu werden. Dieses Subjekt ist nicht mehr abhängig davon, wie es auf rassistische Erfahrungen reagiert, sondern macht, was es für richtig hält, also agiert. Es plaziert sich außerhalb der kolonialen Ordnung, wo weiße Menschen an der Spitze sitzen und muss sich nicht erklären. Es setzt für sich Grenzen. Das Schwarze Subjekt verabschiedet sich von Perfektionismus und kann sich als den komplexen Menschen wahrnehmen, der er* oder sie* ist. Außerdem sei es wichtig, positive Selbstbilder für sich zu kreieren: „Only positive images, and I mean ‚positive‘, not ‚idealized‘ images, of Blackness created by Blacks themselves, in literature and visual culture, can dismantle this alienation, when one can finally identify positively with oneself and develop a positive self-image.“ (ebd., S. 97, 'Nur positive Bilder, und ich meine 'positive', nicht 'idealisierte' Bilder von 'Blackness' von Schwarzen selbst kreiert, in literarischer und visueller Kultur, können diese Entfremdung zerlegen, wenn sich eine Person schlußendlich positiv mit sich selbst identifizieren und ein positives Selbstbild entwickeln kann ).
Fazit: Ihre Analysen sind wertvoll. Zum einen wird auch für weiße Personen deutlich, dass Rassismus nicht vor Menschenrechten Halt macht oder machte und wie bedrohlich er, auch in seiner Alltagsform, ist. Leider ist das Buch bis dato nur auf Englisch publiziert und der Inhalt etwas veraltet, weil sich seit 2008, der Erstauflage des Buches, doch etwas in der deutschen Gesellschaft bewegt hat. Dennoch sind ihre Analysen grundlegend und wegweisend zum Umgang mit Rassismus und zur Transformation in Richtung Dekolonialität.
Quellen:
Kilomba, G. (2023). „Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism“ UNRAST-Verlag, Münster. (1. Auflage 2008)
Ogette, T. (2018). „exitRACISM. Rassismuskritische denken lernen“ UNRAST-Verlag, Münster.
[1]Weiß wird hier kursiv geschrieben, um eine politische Ausrichtung deutlich zu machen und um es von einer Farbbezeichnung abzugrenzen. (vgl. Ogette 2018, S. 14)
[2]Schwarz wird in diesem Kontext bewusst großgeschrieben und bezieht sich auf Menschen, die Rassismuserfahrungen machen.