Fußball WM 2026: Eine Flut rassistischer Äußerungen

von Annkatrin Votteler-Veit

Bastian Schweinsteiger stand eine Zeitlang im Zentrum einer intensiven Debatte in den sozialen Netzwerken und in der internationalen Presse. Der ehemalige Profifußballer und Kapitän der deutschen Nationalmannschaft wurde kurz vor dem WM-Gruppenspiel zwischen Deutschland und der Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) als Experte für die ARD interviewt. Mit seiner langjährigen Erfahrung sollte Schweinsteiger das fußballerische Potenzial der angeblich nicht so bekannten ivorischen Mannschaft analysieren und Stellung nehmen.

Ich möchte jedoch betonen, dass die Elfenbeinküste im Fußball keineswegs ein unbekanntes Land ist – zumindest nicht für echte Fußballfans. Das weiß ich, da ich jedes Mal, wenn ich mich meinen Teilnehmer*innen bei politischen Bildungsseminaren oder Vorträgen vorstelle, frage, ob sie schon einmal von der Elfenbeinküste, meinem Heimatland, gehört haben. Die Antwort ist stets ähnlich: Nahezu alle nennen die Namen prominenter ivorischer Fußballer, wie Didier Drogba, Yaya Touré oder Kolo Touré, welche die Welt mit der besonderen Qualität ihres Spiels in europäischen Spitzenvereinen beeindruckt haben.

Kommen wir zurück zu den Äußerungen des deutschen ex-Nationalspielers, die immer noch im Internet und in der Presse für Kontroversen sorgen. Als er gebeten wurde, sich als Experte zur Begegnung der deutschen Nationalmannschaft gegen die Elfenbeinküste zu äußern, wagte Schweinsteiger gegen Ende seines Interviews einige Zuschreibungen, die nun für hitzige Diskussionen sorgen. Zunächst lobte er die wenigen Stärken, die er in der ivorischen Mannschaft sieht: Die Elfenbeinküste ist athletisch, technisch gut. Diomandé ist einer, der richtig stark ist. Der kann gefährlich werden, Ich bin richtig gespannt, ob wir den Stang halten können. ..also es wird schwierig über 90 Minuten.

Mit dieser Aussage wollte Schweinsteiger sicherlich die deutsche Mannschaft vor den Gefahren warnen, die der Gegner aus Côte d‘Ivoire mit sich bringen könnte. Als Beispiel nannte er die individuellen Qualitäten einiger ivorischer Spieler, darunter das junge Ausnahmetalent Yan Diomandé, der bei RB Leipzig in der deutschen Bundesliga spielt und somit in deutschen Fußballkreisen bekannt ist. Doch Schweinsteiger wollte noch einen Schritt weiter gehen und seine Landsleute auf einen weiteren wichtigen Aspekt aufmerksam machen, der im Spiel gegen diese ivorische Mannschaft zu berücksichtigen ist: die Unberechenbarkeit afrikanischem Fußball. Genau dieser Aspekt – die Spontaneität, Kreativität, Instinktsicherheit und Unberechenbarkeit – verleiht dem afrikanischen Fußball seinen besonderen Reiz. Diese innige Verbindung zwischen vielen afrikanischen Spielern und dem Ball entsteht häufig bereits in jungen Jahren, wenn sie barfuß auf steinigen Plätzen spielen und oft dabei einen Ball nutzen, den sie selbst aus Fundstücken gebastelt haben.

Es ist zudem zu beachten, dass sich die Zeiten geändert haben: Heute besuchen afrikanische Jugendliche lokale Fußballschulen, bevor sie von europäischen Talentscouts entdeckt werden.

In Bezug auf den Spielstil von Côte d’Ivoire hat Schweinsteiger bedauerlicherweise in seiner Wortwahl keine zeitgemäßen Worte gefunden, um seinen Gedanken zu vermitteln.

"Ein bisschen afrikanischer Fußball natürlich, der manchmal so ein bisschen unorthodox ist, so ein bisschen wild ist, vielleicht manchmal auch nicht ganz so von der Taktik geprägt ist. Wir müssen uns einstellen, dass es unberechenbar wird."

Die Elfenbeinküste als Mannschaft zu bezeichnen, die einen unorthodoxen, etwas wilden und nicht wirklich taktisch ausgerichteten Fußball spielt, ist – bei allem Respekt, den ich Schweinsteiger entgegenbringe – ein verbaler Ausrutscher, der herablassend, erniedrigend und schlichtweg rassistisch ist. Er bedient sich hier eines Wortschatzes, der aus rassistischen und kolonialen Narrativen stammt, der die unmenschliche Ausbeutung Afrikas und seiner Bewohner legitimieren sollte.

Die damals verwendete Wortwahl sollte Afrika und den Westen als zwei in jeder Hinsicht gegensätzliche Einheiten darstellen. So wurden dem Westen positive Adjektive wie „zivilisiert“, „normal“, „geordnet“ oder „reich“ zugeordnet, während Afrika die Gegenteile dieser Bezeichnungen, also „wild“, „exotisch“, „unordentlich“ oder „arm“, zugeschrieben wurden. Damit das klar ist: Dass Schweini diese Begriffe vermutlich unbewusst verwendet hat, macht ihn noch lange nicht zum Rassisten. Das ändert jedoch nichts am rassistischen Charakter seiner Aussage. Viele Menschen fühlten sich durch diese Äußerungen verletzt und herabgewürdigt, zumal die Spieler, von denen Schweini spricht, größtenteils im Westen geboren sind und dieselben Fußballakademien besucht haben wie junge Europäer. Darüber hinaus möchte ich an der Stelle auf Folgendes hinweisen: Von den 26 für diese Weltmeisterschaft nominierten Fußballern der Elfenbeinküste spielt keiner in einer afrikanischen Liga. Sie spielen alle außerhalb Afrikas in renommierten europäischen Vereinen. Selbst der Trainer wurde in Frankreich geboren und hat dort seine gesamte sportliche Karriere verbracht. Woher kommt also die Vorstellung, dass diese Spieler, die größtenteils in Europa geboren und ausgebildet wurden, einen afrikanischen, wilden, unorthodoxen und taktisch unorganisierten Fußball spielen? Erst bei dieser Analyse wird die Tragweite von Schweinsteigers Aussage deutlich. Seine Aussage legt nahe, dass ein Spieler afrikanischer Herkunft selbst bei identischer fußballerischer Ausbildung grundsätzlich nicht in der Lage sei, die taktischen Anforderungen des modernen Fußballs ebenso gut zu verstehen und umzusetzen wie ein Spieler dessen beiden Eltern europäischer Herkunft sind. Folglich hängen das Spielverständnis im Fußball nicht mehr von der Anstrengung beim Training oder der individuellen Intelligenz ab, sondern eher vom Melaningehalt. Um es mit den Worten von Alphonse Tiérou, einem ivorischen Autor zu veranschaulichen, würde ich sagen, Deutsche werden nicht mit einem zusätzlichen Fußball-Chromosom geboren und sie besitzen kein besseres taktisches Gespür als andere Nationalitäten.

Übrigens wenn das Spielen eines wilden, unorthodoxen und taktiklosen Fußballs eine Frage des Melanins wäre – wie Schweinsteigers Aussage nahezulegen scheint –, dann stellt sich zwangsläufig eine Frage: Warum verzichtet Deutschland nicht auf Spieler mit afrikanischen Wurzeln, wie Antonio Rüdiger, Jonathan Tah, Serge Gnabry, Leroy Sané, Karim Adeyemi, Malick Thiaw, Nathaniel Brown oder Assan Ouédraogo? Nach seiner Logik müssten gerade diese Spieler dem deutschen Fußball seinen angeblich europäischen Charakter nehmen und ihn in einen wilden, unorthodoxen und taktisch unorganisierten „afrikanischen“ Fußball verwandeln. Es sei denn, dieser Spielstil fasziniert die Deutschen.

Eine weitere merkwürdige Tatsache in dieser Angelegenheit war das lange Schweigen von Schweinsteiger, das kein Schwein verstehen konnte. Dieses absichtliche Schweigen ist verwerflich. Jeder kann versehentlich eine rassistische Äußerung machen. Sich jedoch bewusst in Schweigen zu hüllen und sich zu weigern, auf die als rassistisch eingestuften Äußerungen zu reagieren, um entweder seine Gedanken zu präzisieren oder sich zu entschuldigen, ist noch schmerzhafter als die Äußerungen selbst.

Doch als die Kontroverse immer weiter eskalierte, reagierte Schweinsteiger schließlich. Seine Erklärungen konnten jedoch niemanden überzeugen. Er behauptet, nicht über die Menschen gesprochen zu haben, sondern über den Fußball, über den Spielstil. Schweinsteiger soll uns nicht für dumm verkaufen. Niemand lässt sich täuschen. Fußball kann nicht für sich allein existieren. Er spielt sich nicht von selbst. Man kann ihn also nicht von den Menschen trennen, die ihn ausüben. Einen Spielstil zu bewerten bedeutet, die Menschen zu bewerten, die diesen Fußballstil ausüben. So einfach ist das.  

An alle, die den Sinn dieses Artikels nicht verstehen, möchte ich eines sagen: Es ist sehr wichtig, auf jede rassistische Äußerung zu reagieren, wenn man die Zeit und die Möglichkeit dazu hat. Wie Tupoka Ogette sagt: Unser Schweigen schützt uns nicht. Jede verbale oder körperliche Mikroaggression muss angeprangert werden. Es gibt keine „kleinen“ rassistischen Handlungen. Eine rassistische Bemerkung heute zu tolerieren bedeutet, künftige rassistische verbale Gewalt in noch größerem Ausmaß zu fördern, wie es die paraguayische Senatorin, Celeste Marilla auf die abscheulichste Art und Weise getan hat, indem sie Kilyan Mbappé, den Kapitän der französischen Nationalmannschaft als „Trottel“ bezeichnet, der nicht mal schreiben gelernt habe. „Statt Muttermilch hat er Kokosnüsse ausgesaugt, und das Gebildetste, was er je gehört hat, waren Schimpansen.

Die Fußballweltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko war von einem schamlosen Rassismus geprägt. Diesem komplexfreien Rassismus muss energisch entgegengewirkt werden. Eine dekoloniale Bildung ist für alle unerlässlich. In diesem Zusammenhang freue ich mich über die Neudefinition meiner Stelle als Fachpromotor für dekoloniale Bildung in Baden-Württemberg. Rassismus entsteht in den Köpfen der Menschen. In den Köpfen der Menschen muss er durch Bildung bekämpft werden.

 

Kafalo Sekongo

Eine-Welt-Fachpromotor für Globales Lernen und dekoloniale Bildung

EPiZ Reutlingen