Tagung: Wie viel Bergbau erträgt die Erde?

von Claudia Klatt

Von Rocío Rueda Ortíz

Teilnehmende an der Tagung Wie viel Bergbau erträgt die Erde?

Im Rahmen unserer Kooperation mit der Handy-Aktion ging es für mich vom 4. bis 6. September 2026 ins Erzgebirge zur Tagung „Wie viel Bergbau erträgt die Erde? Ressourcenverbrauch auf dem Prüfstand“. Organisiert wurde sie von der Grünen Liga Osterzgebirge, der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und dem Ayni Verein für Ressourcengerechtigkeit.

Mit neun Teilnehmer*innen aus Baden-Württemberg – unter anderem von DEAB, STUBE, der Evangelischen Kirche, Weltläden und EPIZ – machten wir uns im kleinen Bus auf den Weg nach Schmiedeberg. Fast sieben Stunden später kamen wir am Winfriedhaus bei Altenberg und Zinnwald an. Dort wurden wir von den Organisator*nnen Miriam Meir, Jens Weber und Oscar Choque herzlich empfangen – und Ralf Häußler hatte nicht nur mitorganisiert, sondern uns auch sicher und gut gelaunt ans Ziel gebracht. Ein warmes Abendessen wartete schon auf uns. Die Reise konnte weitergehen!

Globaler Süden im Globalen Norden: Lithium, Rohstoff(un)gerechtigkeit und Widerstand

„Es ist legitim und wichtig, dass sich Menschen gegen die Bedrohung ihrer Heimat durch industrielle Großprojekte zur Wehr setzen – seien es Indigene in Südamerika oder sorbische und deutsche Bewohner der Lausitz. Oder Osterzgebirgler, die sich seit einigen Jahren mit gigantischen Lithiumbergbauvorhaben konfrontiert sehen.“
— Jens Weber, 10.09.2026

Ich war gespannt auf diese Reise ins Erzgebirge. Zum einen kannte ich die Region bisher nicht. Zum anderen beschäftigt mich seit Längerem die Frage nach Rohstoffgerechtigkeit und kolonialen Kontinuitäten – auch durch unsere Zusammenarbeit mit DEAB. In Kolumbien etwa hat der Kohleabbau gravierende Folgen für Menschen, Gesundheit, Natur und indigene Gemeinschaften. Die Indigenen Wayúu kämpfen dort seit Jahren gegen die Zerstörung ihres Territoriums. Gleichzeitig landet ein Teil dieser Kohle auch in Baden-Württemberg. Deswegen stellt sich eine grundsätzliche Frage: Was passiert, wenn der Rohstoffbedarf des Globalen Nordens die Lebensgrundlagen anderer Menschen zerstört?

 

Lithium

Lithium – auch vor unserer Haustür

Im Erzgebirge gibt es Lithium. Auf den ersten Blick klingt das nach einer guten Nachricht: Lithium wird für Elektroautos, Smartphones, KI und viele digitale Technologien gebraucht. Heimische Vorkommen könnten Lieferwege verkürzen und die Abhängigkeit von Importen aus Ländern wie Chile, Australien, Bolivien oder China verringern.

Doch ein Blick auf das sogenannte Lithium-Dreieck in Südamerika zeigt die Kehrseite des Rohstoffbooms. In trockenen Andenregionen verbraucht der Abbau große Mengen Wasser und bedroht damit Ökosysteme und die Lebensgrundlagen indigener Gemeinschaften. Viele Menschen berichten zudem von mangelnder Information und Beteiligung.

Die Frage lautet deshalb nicht nur: Woher bekommen wir die Rohstoffe für die Energiewende? Sondern auch: Wer trägt die Kosten dafür? Und was passiert, wenn der Abbau nicht irgendwo weit entfernt, sondern direkt vor unserer Haustür stattfindet?

„Wir sind immer noch hier“

„Zymske dny su nimo, nětko swěći słónco.Naša kultura njeměje kónc. My smy hišće tu, we łžach a na polu, rěčimy hromadźe, rěčimy sobu.“ (deutsche Übersetzung: „Die Wintertage sind vorbei, jetzt scheint die Sonne. Unsere Kultur hat kein Ende. Wir sind immer noch hier, in den Tälern und auf dem Feld, wir sprechen zusammen, wir sprechen miteinander.“)

— Trio Nowa Doba/„Nalěćo“ (Frühling)

Eine besondere Überraschung der Reise war für mich die Begegnung mit den Sorben. Ich wusste nicht, dass mitten in Deutschland eine anerkannte slawische Minderheit mit eigener Sprache und Kultur lebt. Sie sind Indigene. Die Sorben leben seit mehr als 1.500 Jahren in der Lausitz – und ihre Geschichte ist eng mit der Geschichte des Bergbaus verbunden.

Am Freitagabend sahen wir die MDR-Dokumentation Wuhlo – Kohle. Anschließend sprachen wir mit Jadwiga Mahling, sorbische Pfarrerin und eine Protagonistin des Films. Sie erzählte von einer Landschaft, die durch den Braunkohleabbau tiefgreifend verändert wurde, der circa 260 Dörfer zerstörte. Zahlreiche sorbische Dörfer wurden über Jahrzehnte abgebaggert und ihre Bewohner*innen umgesiedelt. Mit den Dörfern verschwanden auch Orte sorbischer Geschichte, Sprache und Identität.

Vor 500 Jahren war die Kolonisierung des Globalen Südens eng mit der Ausbeutung von Rohstoffen und der Gewalt gegen indigene Völker verbunden. Heute wirkt ein ähnliches Muster im globalen Rohstoffgeschäft fort: Nicht mehr Königreiche und Kolonialmächte stehen im Vordergrund, sondern internationale Konzerne und ein Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung von Ressourcen basiert. Doch was passiert, wenn der Bergbau vor unserer eigenen Haustür stattfindet? In Europa gelten schließlich andere – vermeintlich höhere – Standards. Wie sieht es also hier mit dem Schutz von Menschen und Natur aus?

Am Samstag führte uns die Exkursion ins ehemalige Bergbaugebiet Altenberg. Christoph Schröder zeigte uns, welche Spuren der Bergbau hinterlassen hat. Anschließend fuhren wir über die Grenze nach Cínovec, wo heute neue Lithiumpläne auf dem Tisch liegen.

Kamila Derynková vom Bürgerverein Cínvald und Jens Weber berichteten über das geplante Projekt. Unter Cínovec sollen jährlich 3,2 Millionen Tonnen Erz abgebaut werden. Die Bürgerinitiativen beschäftigen sich seit Jahren mit den Plänen und prüfen dabei seitenweise Planungs- und Genehmigungsunterlagen. Dabei haben sie sich ein beeindruckendes Fachwissen angeeignet – und übernehmen teilweise Arbeiten, die eigentlich bei den zuständigen Behörden liegen.

Dennoch entsteht der Eindruck, dass viele Menschen außerhalb der Region – insbesondere in den Städten – kaum nachvollziehen können, womit die Menschen vor Ort konfrontiert sind. Statt die Initiativen der Zivilgesellschaft als Engagement für die gesamte Region zu sehen, betrachten sie sie offenbar vor allem nur als Versuch, die eigene Haustür zu verteidigen. Über das Projekt und seine Folgen für Menschen und Natur wird in den Medien kaum berichtet. Wenn doch, dann nur im Sinne von Fortschritt und Unabhängigkeit für Deutschland.

 

Die lange Erfahrung des Globalen Südens zu „Rohstoffhunger“

Am Nachmittag haben wir uns mit der Situation in Ländern des Globalen Südens auseinandergesetzt. Oscar Choque, Eine Welt-fachpromotor in der Region Sachsen, berichtete über den Bergbau und den Zwiespalt der Rohstoffpolitik in Bolivien, Nzimbu Cathy Plato – u.a. BtE-Referentin - über die Situation im Kongo und den Abbau von Coltan und anderen Rohstoffen. Unterschiedliche Regionen, unterschiedliche Geschichten – und doch tauchten immer wieder ähnliche Vorgehensweisen auf: Menschenrechts-Verletzungen, Vertreibungen von Indigenen und Minderheiten, große internationale Konzerne mit viel Macht. Wer entscheidet über die Nutzung von Rohstoffen? Wer profitiert? Wer trägt die sozialen und ökologischen Folgen? Aber gleichzeitig gibt es Initiativen vor Ort, die sich für die Menschen und die Natur einsetzen, trotz schwieriger Umstände. Was kann Europa, das von diesen Rohstoffen profitiert, tun?

Hannah Pilgrim von PowerShift nahm anschließend die europäische Rohstoffstrategie unter die Lupe. Rund 20 Lithiumprojekte wurden im Rahmen des EU „Critical Raw Materials Act“ als strategische Projekte eingestuft, darunter Geomet in Tschechien. Für solche Projekte sind beschleunigte Genehmigungsverfahren vorgesehen. Welche Auswirkungen das auf Umweltprüfungen und Bürgerbeteiligung haben kann, hatten wir am Vormittag bereits aus Sicht der tschechischen Bürgerinitiative kennengelernt.

 

Was bleibt? Vernetzung und Verbundenheit

Am Sonntag griff auch ein schöner Gottesdienst das Thema der Tagung auf: unsere Verantwortung für die Schöpfung und unsere Verbindung zur Natur. Besonders nachdenklich machte mich ein Satz aus der Predigt über die Narrative, mit denen große Rohstoffprojekte gerechtfertigt werden: Opfer für „Wohlstand“, für die „Energiewende“, für „Wachstum“ oder für die „europäische Zukunft“. Egal wo diese Menschen leben.

Doch es gibt auch andere Geschichten. Geschichten von Menschen, die sich wehren, sich organisieren und neue Wege suchen – im Erzgebirge, in der Lausitz, in Bolivien oder im Kongo. Genau diese Verbindungen waren für mich das Wertvollste an der Tagung.

Der Rohstoffverbrauch des Globalen Nordens kann nicht dauerhaft auf Kosten von Mensch und Natur im Globalen Süden gehen. Aber auch nicht auf Kosten der Menschen im „Süden des Globalen Nordens“. Die Frage nach Rohstoffgerechtigkeit beginnt deshalb nicht nur an weit entfernten Minen. Sie beginnt auch vor unserer eigenen Haustür in Deutschland.

Vielleicht brauchen wir deshalb weniger die Frage, wo wir noch neue Rohstoffe herbekommen, sondern eher die Frage, wie viel wir überhaupt brauchen. Weniger Verbrauch, mehr Reparatur und Recycling, faire Lieferketten und die konsequente Achtung von Menschenrechten sind dafür wichtige Schritte. Und ganz wichtig: wir müssen uns vernetzen!

Schließlich müssen wir dafür auch unsere eigene Perspektive verändern. Ich denke, dass wir uns dafür mit der „individualistischen Autonomie“ der Moderne auseinandersetzen müssen und uns in einer gegenseitigen Abhängigkeit und Verbundenheit mit allen Menschen und Natur verstehen. Wir sind nicht getrennt von der Natur. Wir sind Teil von ihr. Was ihr geschieht, betrifft letztlich auch uns.

 

Weitere Informationen:

Podcast: zum geplanten Lithiumprojekt in Zinnwald erschien jüngst ein Radio-Feature: ARD Radiofeature Lithiumland Deutschland – Der Preis der Zukunft. Podcast abrufbar in der ARD Audiothek (https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:section:9e90e86f04a3cea6/)

Dokumentalfilm: „Wuhlo-Kohle“ mit Pfarrerin Jadwiga Mahling, https://www.ardmediathek.de/film/wuhlo-kohle/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kZXJlaWhlbi82ZDMzNjkwMS05NTg2LTQ5ZDUtYjIyNy04ZWE2YjJjZWQ2Z

Musik: Skupina Astronawt - Brunica feat. Lil Handrij [Official Music Video] https://www.youtube.com/watch?v=Dty6RaGyRIk

Internetseiten:

https://weiterdenken.de/de/2026/09/05/osterzgebirge-lithium-abbau-einem-loechrigen-kaese

https://power-shift.de/mitsprache-guide-crma

osterzgebirge.org/de/natur-schuetzen/gefahren/lithium-bergbau

Literatur: Lithium Mining: A Czech Dilemma" (2025) - Informationen über die Lithium-Vorhaben in Tschechien (engl.)