Medienservice Globalen Lernens im EPiZ

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Medientipp 1/2026 "Dekolonialität"

© UNRAST-Verlag
© UNRAST-Verlag

- Historische Spurensuche zu Kolonialismus/Rassismus und Analyse ihrer psychischen Ursachen und Auswirkungen -

Das erstmals 2008 veröffentlichte Werk der Psychologin und Künstlerin Grada Kilomba analysiert Alltagsrassismus und verfolgt seine Entstehungsgeschichte bis zu den Anfängen des Kolonialismus. Sie gibt spannende Einsichten in die psychischen Zusammenhänge sowohl bei Ausführenden (i. d. R. weiße[1] Menschen) als auch bei Betroffenen von Rassismus. Außerdem beschreibt sie unterschiedliche dekoloniale Praxen.

Einführend rekonstruiert Kilomba die Hierachien und Zuschreibungen, die im Kolonialismus etabliert wurden. Die ‚Anderen‘ (aus Sicht der ‚Entdecker‘/Europäer/weißen), also diejenigen, auf deren Land sie durch ihre Schiffe ankamen, wurden entwertet/entmenschlicht, sodass sie und ihr Land beherrscht werden konnte. So wurden Aggressionen und Sexualität, also das, was im Allgemeinen von uns Menschen als schlecht und abzulehnend wahrgenommen wird, von dem selbst auf die ‚Anderen‘ projiziert. Diese „split off parts“ (‚abgetrennten Teile‘, eigene Übersetzung, Kilomba 2023, S. 16f.) führend dazu, dass die eigentlichen Opfer zu Tyrannen oder ‚Unmenschen‘ gemacht werden, ohne dass die Ausführenden gestraft werden.

            Kolonialismus führte zu einer Reihe von Gewalttaten, Grausamkeit und Unmenschlichkeit gegen viele verschiedene Menschen auf dem Globus. Allen voran ist die Isolation und die Trennung der vielen Menschen, die als Sklaven vom afrikanischen Kontinent auf den amerikanischen gebracht wurden, zu nennen. Den Sklaven wurden ihre eigenen Namen untersagt, sodass sie ihre Identität verloren, in Amerika wurden z.B. weibliche Sklaven anhand ihrer Gebärfähigkeit beworben (ebd., 87). Diese Entmenschlichung hat noch Generationen danach Folgen.

            Anhand verschiedener Kategorien macht Kilomba den Einfluss deutlich, den der Kolonialismus hinterlassen hat und nun in Form von Alltagsrassismus zu spüren ist. Zuerst entlarvt Kilomba den Mythos der Objektivität, Neutralität und Universalität in der Wissenschaft. Der Eurozentrismus führt dazu, dass nur bestimmte Menschen sprechen und auch nur bestimmte gehört werden. Außerdem macht sie anhand des Genders deutlich: als Schwarze[2] Frau ist es doppelt schwer, als sexistisch und rassistisch diskriminierter Mensch. Die Autorin hat Interviews mit einer Afro-deutschen und einer Afro-amerikanischen Frau geführt. Auszüge davon werden genutzt, um die verschiedenen Dimensionen von Alltagsrassismus exemplarisch zu zeigen: Diskurse des Raumes werden auf dem Rücken der diskriminierten Menschen geführt; wer gehört dazu? Wer wird als am Rand stehend imaginiert? Hier wird die Frage: „Woher kommst du?“ beleuchtet insofern, als dass sie Schwarzen Deutschen immer wieder bedeutet, ‚nicht dazu zu gehören‘. Diskurse rund um das Haar als der am meisten rassifizierte Marker eines Menschen finden statt. Das ungefragte Anfassen der Haare von Fremden wird als Störung bzw. Eindringen in die Privatsphäre beleuchtet. Kilomba analysiert des weiteren Diskurse der Sexualität und der Mutterschaft; welche Stereotypen gibt es gegenüber Schwarzen Frauen und welche Auswirkungen hat das für sie? Außerdem behandelt die Autorin Diskurse rund um die Haut und damit verbundene Stereotype. Die Menschen, so Kilomba, werden durch Erfahrungen des (alltäglichen) Rassismus immer wieder traumatisiert. Die Gräuel des Kolonialismus werden wieder spürbar. Sie behandelt das N-Wort und die Traumatisierung durch Sprache. Außerdem analysiert sie das ‚Schwarz-Sein‘ in weißen Gesellschaften ‚performen‘ zu müssen und Selbstmord. In den von Kilomba geführten Interviews war Suizid häufiger Thema, von Schwarzen Menschen in einer weißen Gesellschaft und bedeutet schlussendlich das rassistische Attentat auf das Selbst oder eine Machtausübung, den das ‚Objekt‘ wird zum ‚Subjekt‘ das Macht über sich selbst ausübt (vgl. Kilomba S. 122f.).  

            Als Gegenpol zu all diesen wichtigen und schwierigen Themen lädt Kilomba uns ein, Auswege und Widerstände zu finden und zu formulieren. Das abschließende Kapitel „Healing and Transformation“ (‚Heilung und Umwandlung‘, eigene Übersetzung) behandelt verschiedene Formen des Umgangs mit Rassismus. Zum einen ist es wichtig, in Gesellschaft zu sein, mit Menschen, die Rassismuserfahrungen machen, um ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln zu können. Ein weiterer Schritt ist der der Dekolonialisierung, d.h., das Unrecht, dass Schwarzen Menschen während des Kolonialismus angetan wurde, soll ‚Ungeschehen‘ gemacht werden. Das bedeutet zum einen, die Autonomie zurück zu erlangen, nicht mehr das ‚Objekt‘, der oder die ‚Andere‘ sein, sondern zum Subjekt zu werden. Dieses Subjekt ist nicht mehr abhängig davon, wie es auf rassistische Erfahrungen reagiert, sondern macht, was es für richtig hält, also agiert. Es platziert sich außerhalb der kolonialen Ordnung, wo weiße Menschen an der Spitze sitzen und muss sich nicht erklären. Es setzt für sich Grenzen. Das Schwarze Subjekt verabschiedet sich von Perfektionismus und kann sich als den komplexen Menschen wahrnehmen, den er* oder sie* ist. Außerdem sei es wichtig, positive Selbstbilder für sich zu kreieren: „Only positive images, and I mean ‚positive‘, not ‚idealized‘ images, of Blackness created by Blacks themselves, in literature and visual culture, can dismantle this alienation, when one can finally identify positively with oneself and develop a positive self-image.“(ebd., S. 97).

Fazit: Ihre Analysen sind wertvoll. Zum einen wird auch für weiße Personen deutlich, dass Rassismus nicht vor Menschenrechten Halt macht oder machte und wie bedrohlich er, auch in seiner Alltagsform, ist. Leider ist das Buch bis dato nur auf Englisch publiziert und der Inhalt etwas veraltet, weil sich seit 2008, der Erstauflage des Buches, doch etwas in der deutschen Gesellschaft bewegt hat. Dennoch sind ihre Analysen grundlegend und wegweisend zum Umgang mit Rassismus und zur Transformation in Richtung Dekolonialität.

 

Quellen:

 

Kilomba, G. (2023). „Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism“ UNRAST-Verlag, Münster. (1. Auflage 2008)

 

Ogette, T. (2018). „exitRACISM. Rassismuskritische denken lernen“ UNRAST-Verlag, Münster.

 

[1]Weiß wird hier kursiv geschrieben, um eine politische Ausrichtung deutlich zu machen und um es von einer Farbbezeichnung abzugrenzen. (vgl. Ogette 2018, S. 14)

[2]Schwarz wird in diesem Kontext bewusst großgeschrieben und bezieht sich auf Menschen, die Rassismuserfahrungen machen.